Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert. ~ Nelson Mandela



[Rezension] Crott: Erzähl es niemandem!

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Gib deinen Senf dazu!

Erzähl es niemandem! - Die Liebesgeschichte meiner Eltern

von Randi Crott und Lillian Crott Berthung
Verlag: DuMont Buchverlag, Köln
Preis: 9,99 € (TB)
285 Seiten

>>"Meine Treue zu dir kann keine Macht der Welt zerstören", sagte Lillian leise und drückt den Brief an ihre Wange.<< Seite 135

Inhalt:
1942: Die Norwegerin Lillian ist 19 Jahre alt, als sie sich in den deutschen Soldaten Helmut verliebt. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Aber Lillian darf diesen Mann nicht lieben, nach allem, was die Deutschen ihrem Land angetan haben. Als sie Helmut zur Rede stellt, offenbart er ihr, dass er "Halbjude" ist und sich in der deutschen Wehrmachtsuniform versteckt hält. "Ich werde dich nie mehr verlassen", ist Lillians Antwort.

Woher hab ich das Buch?
Vor kurzem hab ich in eine Bahnhofsbuchhandlung hineingespitzelt und dieses Buch entdeckt.

Meine Lesegeschwindigkeit:
Für dieses Buch hab ich sieben Tage gebraucht.

Meine Meinung:
Nachdem ich die Inhaltsangabe hinten auf dem Buch gelesen hatte, hab ich eher einen biografischen Roman erwartet. Dementsprechend lange hat es gedauert, bis ich mich mit dem Buch anfreunden konnte.

Der Titel "Erzähl es niemandem" passt perfekt. Es ist nicht nur der Schlüssel, wie Helmut Crott als "Halbjude" ohne Nachteile überleben konnte, sondern auch der Satz, den seine Tochter Randi hört, als sie 1969 im Alter von 18 Jahren von ihrem jüdischen Hintergrund erfährt. Denn die Angst und die unbegreifliche Scham sind immer noch da.
Das Buch hat drei verschiedene Erzählweisen. Bei einer solchen Thematik ist es unausweichlich, wichtige Kriegsereignisse zu erläutern. Randi Crott hat den Schwerpunkt dabei auf Norwegen und Deutschland gelegt. Ab und zu gibt sie einen Einblick, wie sie dafür recherchiert hat. Und ganz wichtig sind natürlich Szenen aus Lillians und Helmuts Jugend, also ihrer Kennenlernzeit. Daraus besteht das Buch hauptsächlich.

Die Kriegsereignisse sind knapp und klar beschrieben. Man muss sich beim Lesen allerdings stark konzentrieren, weil es doch ziemlich trocken ist. Wer hauptsächlich an der Liebesgeschichte und dem damaligen Leben interessiert ist, kann diese Stellen ruhig überfliegen, ohne etwas zu verpassen.

In den "Recherche-Passagen" zeigt Randi Crott durchaus mal ihre Gefühle. Und sie fühlt etwas, was für Menschen, die keine Juden sind, unfassbar ist: >> ... Scham, die mir eigentlich unbegreiflich wäre, hätte ich sie nicht selbst gespürt. << Seite 9
In solchen Kapiteln beschreibt sie auch mal das Leben einer Frau, die ihrer Großmutter begegnet ist. Die Frau, Ilse Kassel, kann sich zwar nicht mehr an Randi Crotts Großmutter erinnern, aber sie wurden zusammen abtransportiert. Daher ist Ilse Kassels Erzählung viel für Randi Crott wert.
Interessant sind auch die Stellen, in denen Randi Crott ihre Mutter oder ihren Vater selbst erzählen lässt. Diese Stellen sind wie in einem Roman: Sie beschreibt, wer was tut und setzt Dialoge ein.

Auch die Szenen aus Lillians und Helmuts Kennenlernzeit sind wie in einem Roman. Das meiste ist aus Lillians Sicht, weil das Buch erst zwei Jahre nach Helmuts Tod veröffentlicht wurde. Helmut war dagegen, dass Randi überhaupt etwas von ihrem jüdischen Hintergrund erfährt. Weitererzählen durfte sie es auf keinen Fall, geschweige denn ein Buch darüber schreiben. Dennoch gibt es einige Szenen aus Helmuts Sicht.

Ich hab eine ganze Woche für das Buch gebraucht. Das ist ziemlich lang für meine Verhältnisse. Allerdings ist das Buch auch keine leichte Kost. Es gab Momente, in denen ich einfach nicht weiterlesen konnte, weil ich grad keinen Nerv für geschichtliche Fakten hatte. Manchmal musste ich auch einfach über einige Stellen nachdenken, z.B. als Randi Crott Ilse Kassel aufsucht. Sie bittet Ilse, sich für ihr Buch an die grauenvolle Zeit in Zeitz zu erinnern. Ich denke, das war weder für Randi noch für Ilse einfach. Wir, die erst lange nach dieser Zeit auf die Welt gekommen sind, werden wahrscheinlich (und hoffentlich!) nie nachvollziehen können, wie Ilse sich gefühlt hat. Als ich mir das bewusst gemacht habe, konnte ich nicht einfach so weiterlesen, sondern musste das Buch weglegen und darüber nachdenken.

"Erzähl es niemandem!" ist wunderbar recherchiert und interessant geschrieben. Die Zeitsprünge und verschiedenen Erzählweisen geben einen tollen Einblick auf das damalige Leben. Eine Liebesgeschichte, die zum Nachdenken anregt und noch dazu wahr ist. (An alle Deutschlehrer unter euch: Das ist gut als Schullektüre geeignet.)

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